PM Förderperiode 2017

Pressemitteilung des Landkreises Göttingen

(Link zum Original)

Bund fördert „Partnerschaften für Demokratie“ im Landkreis Göttingen

Anträge für Projekte regionaler Akteure ab sofort möglich

Im Landkreis Göttingen unterstützt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in diesem Jahr zwei Partnerschaften für Demokratie. Die Partnerschaft für Demokratie im Altkreis Osterode und die Partnerschaft für Demokratie im Altkreis Göttingen werden mit jeweils 80.000 Euro aus dem Bundesprojekt „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert.

„Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass der Landkreis Göttingen sich mit menschenverachtenden Einstellungen auseinandersetzen muss“, erläutert Kreisrat Marcel Riethig. „Gleichzeitig haben sich vielerorts zivilgesellschaftliche Initiativen gebildet, die sich aktiv für ein demokratisches und tolerantes Miteinander eingesetzt haben“, so der Dezernent weiter. „Unsere beiden Partnerschaften unterstützen dieses wichtige Engagement vor Ort.“ Neue Projekte für das Förderjahr 2017 können ab sofort im Rahmen der
Partnerschaften beantragt werden.

Die Ziele der Partnerschaften sind unter anderem:

  • Sensibilisierung für menschenverachtende Einstellungen in der Bevölkerung
  • Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rechtsextremismus und Rassismus
  • Stärkung bestehende Netzwerke und
    der Jugendforen
  • Abbau von Benachteiligungen durch Aufbau von Teilhabe
    Beratung, Information, Vernetzung
  • Öffentlichkeitsarbeit

Im Landkreis Göttingen organisieren die Partnerschaften ein Netzwerk aus regionalen Akteuren, die sich für Vielfalt, Demokratie und Toleranz einsetzen. Den Kern der Partnerschaften bilden Begleitausschüsse aus
Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung sowie Jugendforen. Diese Gremien entscheiden über die strategische Ausrichtung der Partnerschaften sowie über die Vergabe von Projektgeldern aus einem „Aktions- und Initiativfonds“ und einem „Jugendfonds“. Für Projekte im Rahmen der Leitlinie der
Partnerschaften stehen finanzielle Mittel zur Verfügung.

Die externen Koordinierungs- und Fachstellen sind erste Ansprechpartner bei Problemlagen oder Projektideen in den beiden Fördergebieten des Landkreises. Sie sind bei zivilgesellschaftlichen Trägern angesiedelt und bieten inhaltliche und fachliche Beratung bei der Entwicklung, Beantragung und Umsetzung von
Projekten.

Die Ansprechpartner:

Altkreis Göttingen

Ansprechpartner in der Kreisverwaltung
Mikis Rieb: Telefon 0551 525-9164, E-Mail rieb@landkreisgoettingen.de

Externe Koordinierungs- und Fachstelle im Altkreis Göttingen
Mathis Weselmann: Telefon 0551 384 210 45, E-Mail m.weselmann@bildungsgenossenschaft.de

Altkreis Osterode

Ansprechpartner in der Kreisverwaltung
Peter Dzimalle: Telefon 05522 960-4750, E-Mail Dzimalle@landkreisgoettingen.de

Externe Koordinierungs-und Fachstelle im Altkreis Osterode
Nermin Gürocak: Telefon 0151 147 951 87, E-Mail guerocak@vielfalt-osterode.de

Weitere Informationen im Internet unter www.vielfalt-osterode.de bzw. www.pfd-goettingen.de

Hilfe für Opfer rechter Gewalt

Eine Broschüre des Vereins Opferperspektive aus Brandenburg, die über die Perspektive der Opfer von rechter Gewalt berichtet. Wir finden: Lesenswert.
http://www.opferperspektive.de/wp-content/uploads/2015/03/Im-Fokus.pdf
Hier die Beschreibung von der Hompage des Vereins Opferperspektive:

Im Fokus von Neonazis

Rechte Einschüchterungsversuche auf der Straße – zu Hause und im Büro – bei Veranstaltungen – im Internet. Eine Handreichung für Betroffene und Unterstützer_innen

Im Fokus»Gesicht zeigen!« oder »Zivilcourage gegen Rechts!« – das sind oft gehörte Forderungen in der Auseinandersetzung mit Neonazis, deren Ideologie und Aktionen. Diese Appelle sind berechtigt, denn es sind immer noch zu wenige Menschen, die rassistischer, antisemitischer und nationalsozialistischer Propaganda entgegentreten.

Ein Grund dafür könnte auch die Angst vor Reaktionen der Neonazis sein. Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir: vielfach ist es möglich, sich gegen extrem rechte Propaganda und Aktivitäten zu engagieren und positionieren, ohne gleich selbst zum Ziel von Angriffen zu werden!

Doch es gibt auch Risiken beim »Gesicht zeigen!«. In einigen Fällen geraten Menschen dadurch in den Fokus der rechten Szene. Sie werden beleidigt, bedroht, gemobbt oder diffamiert, sehen sich regelrechten Hetzkampagnen oder zielgerichteten Beschädigungen ihres Eigentums ausgesetzt. Es kann auch Menschen treffen, die sich für Flüchtlinge engagieren und deshalb zum rechten Hassobjekt werden.

Mit dieser Broschüre wollen wir gerade diese Anfeindungen und bedrohlichen Situationen, die unterhalb der Schwelle zur körperlichen Gewalt liegen, in den Blick nehmen. Einige sind sogenannte Bagatelldelikte, andere sind überhaupt nicht strafbar. Entsprechend gering sind die rechtlichen Reaktionsmöglichkeiten. Oft finden solche Vorfälle deshalb aber auch wenig Beachtung in der Öffentlichkeit. Für die Betroffenen und ihr Umfeld können die Folgen dagegen gravierend sein.

Was tun nach derartigen Aktionen? Mit dieser Handreichung wollen wir den Betroffenen einige Reaktionsmöglichkeiten und sinnvolle Vorkehrungen für bestimmte Situationen aufzeigen. Wir wollen ihnen damit Mut machen und solidarische Hilfe anbieten.

Die Optionen der direkt Betroffenen halten sich in vielen Fällen aber in Grenzen. Umso wichtiger sind daher die Reaktionen aus ihrem Umfeld. Deshalb wollen wir mit dieser Broschüre auch Menschen animieren, unterstützend aktiv zu werden. Nur wenn die Adressat_innen rechter Einschüchterungsversuche merken, dass sie nicht alleine sind und tätige Unterstützung erfahren, werden die rechten Täter auf Dauer keinen Erfolg haben.

 

2. Demokratiekonferenz: Wie hältst du’s mit der Religion?

Islamfeindlichkeit und Islamismus Thema der zweiten Demokratiekonferenz

Die zweite Demokratiekonferenz im Landkreis Göttingen fand am 29. Oktober von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr im Geschwister-Scholl-Haus in Hann. Münden statt. Das Thema „Islamismus und Islamfeindlichkeit“. Die These dahinter: Islamismus und Islamfeindlichkeit haben ihren Ursprung in Fremdheits- oder Marginalisierungserfahrungen. Sie verstärken sich gegenseitig durch den wechselseitigen Bezug in ihrer Propaganda.

Teilgenommen haben rund 50 Personen, darunter viele Beschäftigte aus sozialen Berufsfeldern, von der Polizei, Engagierte in Integrationsinitiativen, sowie vom Moscheeverein Hann. Münden. Begrüßt wurden die Teilnehmenden vom Hann. Mündener Bürgermeister Harald Wegener und Kreisrat Marcel Riethig. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Sandra Fanroth, Moderatorin und Coachin im Bundesprogramm Demokratie leben!

Was ist eigentlich Islamismus? – Vortrag von Dr. Menno Preuschaft

Dr. Menno Preuschaft ist beim Landespräventionsrat Niedersachsen verantwortlich für das Projekt „Prävention von salafistischer Radikalisierung und Islamfeindlichkeit“. Er hat überblicksweise in die Phänomen „Islamismus“ und „Islamfeindlichkeit“ eingeführt, sie zueinander in  Beziehung und in den gesellschaftlichen Kontext gesetzt.

„Es war so interessant, mal mit einem von Ihnen [den Muslimen] geredet zu haben!“

Wesentliche Thesen seines Vortrags:

  1. Islamismus bzw. militanter Salafismus bilden nur einen kleinen Teil der Religion Islam. Im Kern handelt es sich um eine politische Ideologie, die die Religion instrumentalisiert.
  2. Ideologisch zentral für den Salafismus ist die Anknüpfung an individuelles Opferempfinden und Fremdheitserfahrungen. Diese werden in Auserwähltheitsvorstellungen gewendet und ggf. schließlich politisch instrumentalisiert.
  3. In der öffentlichen Wahrnehmung/Darstellung verschwimmt Differenzierung zwischen Islam und islamistischen Gruppierungen. Der Fokus liegt oft auf „dem Islam“ als invasivem Fremden oder sogar als Bedrohung.
  4. Islamfeindlichkeit ist die Abwertung von Menschen auf Grund der Zugehörigkeit zur Religion Islam. Sie ist als rassistisch zu werten, da sie dieser Gruppe auf Grund ihrer Religion oder Kultur unveränderliche Merkmale zuschreibt und sie als „negative Andere“ der eigenen Gruppe/Kultur gegenüber stellt.
  5. Islamfeindlichkeit und Islamismus stellen sich gegenseitig verstärkende Phänomene dar. Die Ablehnung des Islam im öffentlichen Diskurs stärkt das Opfernarrativ, das die Grundlage radikal-salafistischer Missionierung ist. Umkehrt stärkt das Agieren radikaler Salafisten das Bedrohungsnarrativ von islamfeindlichen Gruppierungen.
  6. Als Schlussfolgerung aus dieser Analyse steht die Forderung, dem Opfernarrativ und dem Bedrohungsnarrativ aktiv entgegenzutreten. Das bedeutet vor allem, Muslime als Teile der Gesellschaft aktiv wertzuschätzen.

Als Muslim in Münden leben

Hasan Akman ist Vorsitzender des Moscheevereins Hann. Münden. Er konnte aus erster Hand von Diskriminierungserfahrungen berichten, aber auch positive Beispiele über das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen geben. Für die Mitglieder der Moscheegemeinde sei die Erfahrung von Anfeindungen alltäglich. Herr Akman konnte einen Drohbrief vorlesen, der exemplarisch für viele derartige Schreiben stünde. Auch sei mehrfach sein Haus beschädigt worden.

Hasan Akman, Vorsitzender des Moscheevereins Hann. Münden
Hasan Akman, Vorsitzender des Moscheevereins Hann. Münden

In der Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen gebe es widersprüchliche Erfahrungen. Auf der einen Seite bestehe ein sehr guter Kontakt zur Polizei, insbesondere zum Präventionsteam. Auch die Erfahrungen mit der Stadtverwaltung seien unter der neuen Leitung besser. Auf der anderen Seite stünden sehr negative Erfahrungen, z.B. mit Lehrkräften an Schulen oder in Bewerbungsverfahren. Insgesamt hänge es von Personen ab und langjährige Kooperationen könnten mit einem personellen Wechsel entstehen oder verschwinden.

Sein Fazit: „Täglich erleben wir Kontraste: manchmal sind wir herzlich willkommen und manchmal werden wir sogar angefeindet. Wir leben seit Jahren hier und trotzdem sind wir für manche doch noch fremd und irgendwie anders.“

Im Dialog

Nach einer Mittagspause waren die Teilnehmenden gefragt, sich und ihre Erfahrungen einzubringen und miteinander in den Dialog zu treten. Wir haben dazu die Methode einer „stummen Diskussion“ gewählt. Auf acht Wänden standen Fragen und Thesen zum Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, zu denen die Anwesenden Stellung nehmen sollten – zunächst schriftlich und ohne miteinander zu sprechen. Anschließend wurde das „Sprechverbot“ aufgehoben und zum offenen Austausch eingeladen. Sehr deutlich wurde dabei die positive und dialogorientierte Grundhaltung aller Beteiligten.

"Sind Ihnen bereits Äußerungen begegnet, die sie als islamfeindlich einschätzen würden? Wenn ja, wo und welche?" - Eine der Fragen zu Diskussion
„Sind Ihnen bereits Äußerungen begegnet, die sie als islamfeindlich einschätzen würden? Wenn ja, wo und welche?“ – Eine Frage zur Diskussion

Mehrfach in den Fokus gerückt wurden „die Medien“ und das spannungsgeladene Bild, das dort vermittelt werde. Viele Beteiligte kannten Islamismus oder Islamfeindlichkeit nur aus diesem Kontext. Dagegen konnten andere solche Erfahrungen auch aus ihrem Privatbereich (Familie) oder Beruf (v.a. pädagogische Berufe) berichten. Deutlich wurde auch, dass islamfeindliche Aussagen kein Alleinstellungsmerkmal der politischen Rechten sind, z.B. durch den Bericht über die Aussage eines Sozialarbeiters, im Islam würden die Frauen generell unterdrückt. Grundsätzlich herrschte bei allen Anwesenden der Wunsch nach einem intensiven Austausch, auch zur Überwindung von Fremdheitsgefühlen.

„Hätten Sie nicht auch noch Ihre Frauen mitbringen können, ich hätte auch so gerne mal so jemanden kennen gelernt!“

Abschluss

In der abschließenden Diskussion wurde vor allem der Wert der persönlichen Begegnung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen betont. Hierfür Räume und Anlässe zu liefern ist eine vordringliche Aufgabe der Präventionsarbeit. Dabei wurde die besondere Rolle pädagogischer Einrichtungen, auch von Kindergärten und Grundschulen, hervorgehoben.